
Ballade No. 3 - in D
Von allen drei musikalischen Grundelementen Rhythmus, Harmonik und Melodik ist der Rhythmus sicherlich das ursprünglichste, das Puls-gebende, wenn nicht sogar das Leben-spendende Element.
Im Anfang war der Rhythmus.
Hans von Bülow
Getreu dieses Mottos ist die Ballade No. 3 in D entworfen. Sie beleuchtet die unterschiedlichen Facetten der Variation eines rhythmischen Motivs. Augmentierung, Diminuierung und Invertierung des selben rhythmischen Motivs evozieren somit ganz eigene charakterliche Teile.
Eröffnend mit einem großen Doppeloktavlauf in D stürzt sich das Stück direkt in das formgebende rhythmische Motiv. Ein Verkürzung der aufeinander folgenden Notenwerte von Viertel, punktierte Achtel, Sechzehntel, Achtel, Sechzehntel liefert hier die Grundlage für das markante und kraftvolle Thema. Melodisch abwärts iterierend schiebt sich das Motiv energisch voran. Nahtlos geht es in ein stärker lyrisch geprägtes Andante über. Doch die Lieblichkeit hält nur kurz an. Lange Sechzehntelketten schrauben sich als Duett zweier Stimmen drängend nach oben um sich erneut in das Anfangsmotiv zu stürzen. Eine Kadenz in A untermauert das rhythmische Motiv in breiter und unmissverständlicher akkordischer Art. Ein letzter triolischer Aufgang lässt den ersten Teil in einfacher Weise ausklingen.
Der zweite Teil, in fis-Moll, entwickelt sich über dem aus Teil I augmentierten Motiv im Bass. Große Sechzehntelbögen wie Striche in die Landschaft gesetzt entfalten die eher düstere Stimmung. Ein breiter Akkord in Fis-Dur eröffnet den Choral Brich an du schönes Morgenlicht und versucht damit die Nacht zu durchbrechen. Jedoch erst die Wiederholung des Choralthemas und die Ausgestaltung mit vollen Sechzehntelketten in der linken Hand scheint die Einwürfe der dunklen Nacht zu verdrängen. Doch das Aufklaren scheint nur von kurzer Dauer zu sein. Es erfolgt der Rückgriff auf den Anfangsteil, dessen Kadenz nun doch die erhoffte Auflösung mit Hilfe der picardischen Terz liefert.
Der dritte Teil beginnt unvermittelt mit einer explosiven Geste basierend auf der Diminuierung des Ausgangsmotivs. Mit akkuraten Akkordschlägen baut sich langsam das Thema dieses dritten Teils auf. Eine abwärts gerichtete melodische Linie von a bis a, die sich im Rhythmus des Originalmotivs bewegt, hier jedoch im triolisch verarbeitet, welches Anklänge eines Walzers erahnen lässt. Ein Interruptus tritt ein. Einem lauten Rufe gleich scheint man für wenige Augenblicke in einer anderen Szenerie zu sein, bevor der Walzer weiter Fahrt aufnimmt. Aus Triolen werden breite taktumspannende Sechstolen, bis sich diese schließlich halbtaktisch verkürzen und somit die Metrik des Zweivierteltakts mit Hilfe langer Melodiebögen verwischen. Erneut umspielen sich zwei Stimmen, welche auf den halbtaktigen Schlägen gestützt dahingleiten. Breiter werdend verdichtet sich die harmonische Progression, bis ein großer Sechstlauf gefolgt von einem schnappatmigen Aufschwung den Teil abrupt enden lässt.
Es folgt nahtlos der vierte und letzte Teil. Als Komplementärteil zu dem dritten fundiert dieser auf der Invertierung des Originalmotivs, welches den dynamischen letzten Teil einleitet. Erneut erklingt das Thema des dritten Teil gefolgt von dem bereits bekannten Interruptus. Diesmal jedoch wird dieser zum Hauptakteur. Im dritten Teil noch etwas fremd, entfaltet sich nun eine sehnende melodische Linie ergänzt durch große Fiorituren in der linken Hand. Munter moduliert das Stück auf diese Struktur gestützt nach e-Moll. Der erneute Rückblick auf das Thema des dritten Teils sowie ein Schwirren der Stimmen in der linken Hand läuten das Finale ein. Rhythmisch verdichtete Akzente fordern ein letztes Mal das Thema des dritten Teils bevor sich dieses in einem wilden Reigen aus Motivwürfen und rhythmischen Verschiebungen dem Höhepunkt in Form des anfänglichen Doppeloktavlaufes auflöst. Ein kurzes inne halten scheint die Spannung jedoch nur zu befeuern. Ein letztes Aufbäumen lässt das Stück mit einem Paukenschlag enden.
Das Stück für Klavier entstand im Winter und Frühjahr 2024.