Ballade No. 4 in H
Live-Aufnahme der Uraufführung
C. Bechstein Centrum Dresden · April 2026
Klavier: Arda Arman
Dauer: 13:23 min
Die Ballade No. 4 in H („Appel du Printemps“) aus dem Zyklus Vier Balladen op. 2 greift auf die Melodie als Form-gebendes Element zurück. Aus ihren vielfältigen Wandlungen erwächst ein musikalischer Frühlingsruf voller Lebendigkeit, Wärme und Aufbruchsstimmung, der in einem leuchtenden Finale seinen Höhepunkt findet.
Die Ballade No. 4 in H-Dur greift auf die Melodie als Form-gebendes Element zurück. Das Stück gliedert sich nach dem Schema einer kleinen Rondoform in fünf Teile: A-B-A‘-C-A‘‘. Die A-Teile sind hierbei durchkomponiert während der B- und der C-Teil streng formal angelegt ist.
Getreu dem Beititel „Appel du Printemps“ (Frühlingsruf) entfaltet sich von dem ersten Augenblick an ein Frühlingszauber, der mit seinem markanten durchlaufenden Triller in der Oberstimme an Vogelgezwitscher zu erinnern vermag. Nicht nur die Eröffnung, sondern der gesamte A-Teil steht im Zeichen der Überschwänglichkeit, des Lebendigen – eben des Frühlingshaften. Das bewegte Thema entfaltet einen freu-digen doch gleichzeitig die Grenzen sprengen wollen-den Charakter, bevor nach erneutem Erklingen des Eröffnungsthemas die zweite Hälfte des A-Teils eingeläutet wird. Nun etwas dunkler, doch stets bewegt entpuppt sich aus dem Motiv des Trillers ein neuer Gedanke, der sich durch alle Register hinweg auf-türmt, um dann brausend und ausdrucksstark Gesten des Ausrufs vor sich herzutreiben. So schließt der sehr bewegte A-Teil mit einem dreifachen, jeweils abgesetzten, eher rauen Schlag, der erst durch die warme Melodie des B-Teils aufgefangen werden kann. Noch eben voll des Überschwangs und des äußerlichen Jubels, wird nun die innige und leidenschaftliche Seite des Frühlingshaften beleuchtet. Diese zweite Melodie steht in der Tonart der Oberquinte – in Fis-Dur. Der B-Teil selbst gliedert sich wiederum in eine a-b-a Form. So werden in den folgenden Takten des b-Abschnittes unterschiedliche Facetten dieses warmen und innigen Themas beleuchtet. Es geht es entlang der Gemütszustände – con anima – poco con moto – con dolceza – con tenerezza – grazioso. Eine eindrucksvolle und klanglich dichte Überleitung führt erneut zum a-Abschnitt nun in Form eines Appassionato – leidenschaftlich, jedoch nicht weniger innig und gleichsam leicht. Das erneute Erklingen der Melodie des A-Teils erdet den Ausflug des vorherigen Teils. In einer großen drei gegen zwei Bewegung entfaltet sich eine weitere Stimme in der Rechten über dem rhythmisch streng durchlaufenden Bassgerüst in der Linken. Diese fußt auf der immer wechselnden Betonung einzelner Noten innerhalb der triolischen Bewegung der Rechten. Dies führt dazu, dass die zusätzliche Stimme frei schwebend erscheint. Ähnelnd dem Abschluss des ersten A-Teils schließt auch der zweite mit einem dreifach abgesetzten Schlag und öffnet diesmal das Tor zu einer neuen Welt.
Der C-Teil beginnt wiederum mit einer neuen Melodie, eine in gleichmäßigen Schritten aufsteigende Linie in der Rechten, gepaart mit dem bereits aus dem A-Teil bekannten durchlaufenden Triller auf fis, umwoben von den triolischen Bewegungen in der linken Hand, die sich organisch anschmiegen und harmonisch sowie strukturell diesen Teil tragen. Ungläubiges Staunen breitet sich aus, begleitet von einem Gefühl des Fremdseins und einer leisen Neugier auf mehr. Die beiden Eingangstakte werden nun mit Oktavdoppelung der Melodie wiederholt und durch einen drei-taktigen Nachsatz abgerundet. Ein Zustand der Schwerelosigkeit stellt sich ein. Es folgt eine kurze Überleitung, die diesen Moment des aus dem Raum und der Zeit gefallen sein soghaft auf das Thema zurückführt. Während nun der gesamte Satz im fortissimo erklingt, geht die Melodie in der Mittelstimme strukturell im Gesamtsatz auf. Die Durchführung ist erreicht, gekennzeichnet von kurzen verarbeitenden Einwürfen am Wegesrand. Der melodisch getriebene Anfang dieses Teils stützt sich in diesen Zwischengedanken und kurzen Überleitungen deutlich mehr auf die rhythmische Triebkraft bis nach einer kurzen Stretta das Treiben abrupt endet. Wie nach einem überstürzten Lauf, steht man nun im Auge des Orkans, umschlossen von vollkommener Ruhe. Erst die anschließende Reprise – ebenfalls neuntaktig gearbeitet wie die Exposition dieses Teils – führt durch das erneute Erklingen der Melodie in der Mittelstimme zu einem langsam sich Gewahr werden, leise und be-dacht.
Ebenfalls leise beginnt der abschließende A‘‘-Teil. Es werden lediglich die markante Bewegung in der Linken sowie das absteigende Element der Melodie in der Rechten aus dem ursprünglichen A-Teil übernommen. Somit entsteht ein Teil, der sich auf Altbekanntes und Erlebtes bezieht, nun jedoch in einem neuen Licht erscheint. Nach den einführenden Ge-danken verschmilzt dieses neue Thema auf das lieblichste mit der Melodie aus dem C-Teil, welches gleichsam als dritte Stimme in mittlerer Lage den breit gefächerten Satz abrundet. Es schließen sich Takte an, die die Ereignisse weiter reduzieren, gleich einem knorrigen Basspfad beschreitend. Nach einem leichten Anschwellen der Dynamik und plötzlichem, kurzem innehalten wird der große Schlussgedanke eingeleitet. Weiterhin durchgängig leise gehalten, jedoch weitaus voller gesetzt, kehrt das Thema dieses A‘‘-Teils feierlich wieder. Aus der Tiefe erwachsend und mit dem bekannten Triller in der Oberstimme – nun eingebettet in Oktaven der Rechten – evoziert es ein über den Rücken laufenden Schauer. Die Wiederho-lung dieses Gedanken schließt erneut die Melodie aus dem C-Teil in seine Mitte ein, gefolgt von einer letz-ten erzählenden Passage – stets im Piano gehalten – bis schließlich leuchtend und erlösend zugleich ein Strahl in D-Dur mitten in den Raum bricht. Weiterhin im Fortissimo gehalten, jetzt jedoch wieder in H-Dur, erklingt die Essenz des Schlussteils marschartig, dann – stilles Nachwirken, expressives Aufbäumen, Ankommen.
Das Stück für Klavier entstand im Zeitraum von Herbst 2024 bis Frühjahr 2026.