Suleikas Gesänge

Live-Aufnahme der Uraufführung
Grieg-Begegnungsstätte Leipzig · Juni 2026

Klavier und Sopran
Dauer: 07:53 min


Im Ton der Erinnerung - Suleikas Lied, op. 5 No. 5
Jonathan Helbig

Wie mit innigstem Behagen,
Lied, empfind' ich deinen Sinn!
Liebevoll du scheinst zu sagen:
Daß ich ihm zur Seite bin;

Daß er ewig mein gedenket,
Seiner Liebe Seligkeit,
Immerdar der Fernen schenket,
Die ein Leben ihm geweiht.

Ja, mein Herz es ist der Spiegel,
Freund, worin du dich erblickt;
Diese Brust, wo deine Siegel
Kuß auf Kuß hereingedrückt.

Süßes Dichten, lautre Wahrheit
Fesselt mich in Sympathie!
Rein verkörpert Liebeswahrheit,
Im Gewand der Poesie.

Suleikas Gesänge op. 5 ist ein Liederzyklus für Sopran und Klavier nach Texten aus dem West-östlichen Divan von Johann Wolfgang von Goethe und Marianne von Willemer. Innerhalb dieses Gedichtzyklus entfaltet sich in dem sogenannten Buch Suleika ein poetischer Dialog zwischen Suleika und Hatem, in dem Liebe, Sehnsucht, Trennung und Wiederbegegnung in lyrischen Bildern verhandelt werden. Diese dialogische Struktur bildet den Ausgangspunkt für die kompositorische Gestaltung des Zyklus.

Das Werk befindet sich derzeit noch in der Fertigstellung. Das Schlussstück „Im Ton der Erinnerung – Suleikas Lied“ ist jedoch bereits vollendet und uraufgeführt. Die Komposition basiert auf dem eröffnenden Akkord D–Fis–Gis–h, dessen harmonische Konstellation die klangliche und tonale Grundlage aller vier Strophen bildet. In diesem Schlussmonolog reflektiert Suleika über die Beziehung und Liebe zu Ihrem Gegenüber.

Die Introduktion setzt die Stimmung im Klavier. Eine Stimmung, die zum Nachdenken anreget, eine Stimmung, die offen lässt in welchem Gemütszustand sich Suleika befindet. In diesem Korridor der Kontemplation setzt der Sopran ein, gehalten, reflektierend und mit gleichmäßigen Schritten. Durch einen versetzten Aufschwung der Stimmen, geführt durch das Klavier, entfaltet sich die Stimmung hin zum strahlenden D-Dur. Mit kräftigen Strichen im Klavier schließt die erste Strophe.

Das energische Zwischenspiel führt nahtlos in die zweite Strophe, die nun in einem kraftvollen Fis-Dur die Liebesbeteuerung kund tut. Eine Beteuerung der ewigen Verbundenheit und tiefen gegenseitigen Hingabe. Der leichte Nachhall der Oktavläufe begleitet den Übergang und läutet die dritte Strophe ein. Das Symbol der Liebe, das Herz, wird nun nicht nur als Ausgangspunkt der Liebe, sondern als Spiegel gedeutet. Ein Bild, das die Gegenwart eines Gegenübers betont, ohne das Liebe nicht entstehen kann. In dieser Spiegelung offenbart sich jedoch mehr als nur die Beziehung zweier Liebender. Sie verweist auf das Wesen jeder menschlichen Begegnung und damit auf jene Verbundenheit, aus der Gemeinschaft und schließlich Heimat erwachsen kann.

Musikalisch wird das erste Motiv, der Spiegel als Verweis auf das liebende Gegenüber, durch die stimmliche Verwebung der ersten beiden Zeilen der dritten Strophe gestaltet. Suleika führt ein inneres Zwiegespräch, in dem sich die Idee des Spiegelns musikalisch entfaltet, ohne dass das Wort Spiegel selbst erklingt. Es wechseln sich lediglich die Phrasen „Ja, mein Herz“ und „Freund, worin du dich erblickst“ ab und treten wie Spiegelbilder miteinander in Beziehung.

Die zweite Bedeutungsebene, in der der Spiegel zum Sinnbild von Identität, Gemeinschaft und Heimat wird, erhält eine gänzlich andere musikalische Gestalt. Im Rahmen des Sächsischen Themenjahres entstanden, greift diese Strophe Anklänge an den dritten Satz von Mahlers 1. Symphonie auf. Gustav Mahler, der sich selbst als „dreifach heimatlos“ bezeichnete: „als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen und als Jude in der ganzen Welt“, wird hier zum musikalischen Bezugspunkt. Die nächsten Takte rücken den Widerhall von Klezmer-artiger Volksmusik kurzzeitig in den Mittelpunkt, bevor die Musik nach einer kurzen Solokadenz im Sopran mit der Bestätigung „Ja, mein Herz es ist der Spiegel“ schließt.

Ein rhythmisch prägnantes Zwischenspiel im Klavier lässt die Botschaft nachwirken und gibt gleichzeitig der vierten und letzten Strophe den nötigen Raum. Das Dichten und die Poesie werden in den Blickpunkt gerückt. Beide als Ausdruck des Reinen, nicht-Spezifischen und somit des Menschen-Verbindenden und Grenz-überschreitenden.

Die Schlussstrophe eröffnet in h-Moll, um anschließend mit abgesetzten Akkorden im Klavier zu einem längeren Zwischenspiel im Halbton tieferen b-Moll zu münden. Noch im breiten Achtvierteltakt beginnend, gewinnt die Musik nun zunehmend an Fluss, in dem dasselbe Thema auf einen Sechsvierteltakt verdichtet wird. Die Rahmenzeilen dieser vierten Strophe werden nun sowohl eigenständig im Sopran als auch versetzt im Klavier verarbeitet. Der musikalische Fluss steigert sich weiter durch die Verkürzung des Themas in beiden Stimmen mittels Triolen. Ein letztes Innehalten im Klavier leitet den letzten Aufschwung im Sopran ein der die Zeile „Süßes Dichten“ ein letztes Mal nachhallen lässt.

Das Stück für Klavier und Sopran entstand im Frühsommer 2026.

Zurück
Zurück

"Nocturnes op.3, No.1-3"